Interview mit Tom Alby

Guten Tag Herr Alby,

es freut uns heute mit Ihnen zu sprechen. Sie sind Chief Digital Transformation Officer Director Data and Analytics bei Euler Hermes. Sie gehören zu den ganz großen Playern in der Branche.

Was macht man eigentlich als Chief Digital Transformation OfficerDirector Data and Analytics? Beschreiben Sie uns Ihren Arbeitsalltag.

Ich arbeite an drei Kernthemen:

1) Digitalisierung von Prozessen, auch durch Machine Learning und KI,

2) Gestaltung neuer digitaler Geschäftsmodelle, und

3) Education.

Euler Hermes verfügt über 100 Jahre Erfahrungalt, aber hat sich immer wieder gewandelt, und daraus ergibt sich meine Hauptaufgabe: Die richtigen Impulse zu geben, sich zu wandeln, ohne das Bewährte zu zerstören. Das bedeutet, dass ich mich sowohl im Bereich Technologie engagiere als auch in der Kultur, die durch die Digitale Welt verändert wird.
Mein Team entwickelt komplett neue Produkte im Agile Modus innerhalb weniger Wochen, mit denen wir testen, ob wir die Bedürfnisse unserer Kunden besser bedienen können, wir testen aber auch neue Algorithmen, mit denen wir zum Beispiel versuchen vorherzusagen, ob eine Transaktion zu einem Schaden führen wird. Und tatsächlich biete ich auch dort Kurse an.
Als ich im Intranet mal spaßeshalber angekündigt hatte, dass ich für Interessenten einen Datenanalyse- und Machine Learning-Kurs anbieten könnte, dachte ich, dass sich vielleicht ein Handvoll Leute melden würden. Es haben sich am Ende 100 Kolleginnen und Kollegen angemeldet. Es ist ein großer Wissensdurst da, und je mehr Menschen ich für diese Daten-getriebene Welt begeistern kann, umso mehr habe ich erreicht in der Transformation.

Wie viele Menschen gehören zu Ihrem Team?

Wir sind gerade ca. 10 Kollegen, aber die Größe ist glaube ich weniger entscheidend als die Anzahl der Kollegen, die ich außerhalb meines Teams aktivieren konnte, gemeinsam mit uns die Digitale Transformation voranzutreiben.

Wir haben gelesen, Sie haben Computerlinguistik studiert. Was können wir uns darunter vorstellen? Was ist das für ein Studiengang?

Ich habe um genau zu sein Anglistik, Germanistik und Informatik mit dem Schwerpunkt Linguistik studiert. Durch die Informatik bin ich dann vor allem in der Computerlinguistik gelandet, und da geht es zum einen darum, wie Maschinen Sprache verstehen und ausgeben, aber auch, und das fand ich faszinierend, wie Informationen aus Dokumenten generiert werden kann.
Das hat mich auch später zu den Suchmaschinen gebracht, denn da geht es auch darum, wie Informationen aus Webseiten extrahiert und durchsuchbar gemacht werden können. Es war superspannend, und ich bin heute noch dankbar für alles, was ich lernen durfte.

Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für Zahlen entdeckt? 

Das war tatsächlich relativ spät. Meine Begeisterung für Computer entstand sehr früh, und damit auch für die Programmierung, aber in Mathe war ich zum Teil nicht die hellste Kerze auf der Torte. Für meine Programme musste ich mich da zum Teil regelrecht durchquälen. Es gab aber einen Moment, an den ich mich noch genau erinnern kann, und zwar als es um Statistik ging, denn das fand ich superspannend.
Mathe war sauber und elegant mit all den Formeln, aber es war irgendwie fern vom Leben. Statistik ist anders, man kann das wirklich überall gebrauchen, und man kann auch mit Daten umgehen, die nicht komplett sauber sind. Ich kann bei einem guten Statistik-Buch richtig abschalten oder sogar geradezu euphorisch werden.

Was glauben Sie, wie wichtig sind digitale Auswertungen der Performance von Social-Media-Kanälen oder Webseitennutzung auch für Klein- und Mittelständische Unternehmen? Oder meinen Sie, dass nur die Big-Player damit ihre Geschäftsfelder verbessern und erweitern können?

Die Webanalyse ist nur ein kleiner Teil dessen, was an Daten in Unternehmen ausgewertet werden kann, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Der Grund, warum ich bei der Datenanalyse gerne auf die Webanalyse oder Digitalanalyse verweise, ist der, dass jeder das Web kennt und hier sehr schnell versteht, was das mit einem selbst zu tun hat. Der Bezug beim Lernen ist sofort da.
Jeder kann außerdem mit einfachen Mitteln selbst eine Webseite bauen und ist nicht von irgendetwas abhängig, weder von Geld noch von Lehrern. Ich kann damit viel einfacher Statistik vermitteln als mit Urnenziehungen. Ich glaube außerdem, dass wir nicht viel länger von Webanalyse reden sollten, der Begriff „Digital Analytics“ beinhaltet ja auch schon, dass wir nicht nur das Verhalten auf Webseiten analysieren, sondern auch von Apps, Kampagnendaten, sei es online oder offline, aber auch andere Daten, die anfallen.
Wäre ich Chef eines Unternehmens, dann möchte ich nicht wissen, wie viele Menschen auf meiner Webseite waren. Ich will wissen, wie das zu meinem Unternehmenserfolg beigetragen hat. Und das bedeutet, dass ich nicht die Seitenaufrufe berichte, wie das fast alle machen, sondern zeige, welcher Wert durch die Webseite, Marketing-Kanäle und die Prozesse dahinter generiert wird und was getan werden muss, um das noch zu steigern. Ein guter Analyst ist ein Gewinnsteigerungsberater. Und je nach Produkt und Industrie auch für kleine Unternehmen.

Wir haben gesehen, dass Sie Lehrbeauftragter an der HAW sind. Was ist Ihre Motivation auch Studierenden Ihr Know-How weiterzugeben?

Es  ist mein Zugang zur akademischen Welt, denn ich unterrichte nicht nur, sondern versuche auch weiterhin, mich wissenschaftlich zu engagieren. Durch die Lehre kann ich aber auch ausprobieren, ob meine Vermittlung von Wissen funktioniert. Ich verbringe viel Zeit damit mir zu überlegen, wie ich etwas den Teilnehmern präsentiere, und es freut mich immer wenn die Studierenden hinterher sagen, hey, das war zwar nicht einfach, aber ich habe es verstanden. Ich will ein besserer Lehrer sein als die, die ich zum Teil hatte. Und nach mehr als 10 Jahren bin ich noch immer nicht desillusioniert.
Wenn ich nur 1/3 des Kurses dazu kriege, dass sie das wirklich spannend finden und eine Passion dafür entwickelt, dann habe ich viel erreicht. Viele meiner früheren Studenten sind heute genau in dem Bereich unterwegs, den ich damals unterrichtet hatte, und das macht mich ein bisschen stolz.

Wir sprechen mit unserem Kursangebot „Digital Analytics“ Quereinsteiger im Online Marketing oder Menschen mit einer kaufmännischen Ausbildung an. Haben Sie eine Idee, was die Absolventen danach für Perspektiven haben?

Wenn man sich Mühe gibt und sich engagiert, dann glaube ich tatsächlich daran, dass jeder der Absolventen sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben wird. Ich würde mich halt nicht einschränken wollen auf Webanalyse, sondern eher daran das Handwerk lernen, das dann weiter ausgeweitet werden kann auf andere Bereiche.
Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel: Wenn ich mir nur anschaue, was über die Webseite bestellt wird, dann verschließe ich die Augen davor, dass es dahinter zu Rücksendungen kommen kann. Also müssen diese Daten mit Kampagnen- und Webdaten zusammengeführt werden: Wie kann ich den Anteil der Rücksendungen reduzieren? Und dann ist man schnell im Data Mining in Customer Relationship Systemen und nicht nur bei Webseiten.

Was denken Sie, wie wichtig die Webanalyse für die Zukunft ist? Was ist ein aktueller Trend?

Siehe oben. Wir werden bald nicht mehr über Webanalyse reden, sondern immer mehr in andere Bereiche vordringen. Natürlich kommen uns dann auch die Business Analysten entgegen, die auch schon jede Menge Daten analysieren, aber es ergibt keinen Sinn, Daten in verschiedenen Silos zu analysieren.

Können wir von Ihnen erwarten, dass das nächste Buch von Ihnen Webanalyse für Dummys wird?

Nein, mit Webanalyse bin ich zumindest Buch-technisch durch. Ich wollte ein Buch schreiben, das allgemeingültig ist und nicht mit jeder neuen Version von Google Analytics veraltet ist. Ich habe Ideen für die nächste Auflage, aber das nächste Buch wird eher tiefer in die Datenanalyse allgemein gehen oder um spezielle Bereiche des Machine Learnings. Da liegt auch momentan mein Hauptinteresse.

Vielen Dank für das Gespräch!

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